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Ökumenischer Festgottesdienst - 200 Jahre Landkreis Altenkirchen – Kreisheimattag - 9. September 2016 – Christuskirche Altenkirchen

Predigt: Superintendentin Pfarrerin Andrea Aufderheide:

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater und von unserem Herrn Jesus Christus. Amen.

Liebe Festgemeinde,
der biblische Hintergrund zur heutigen Predigt soll ein altes Reiselied sein, ein Wallfahrtslied aus dem Gesangbuch Israels.

In Psalm 121 heißt es:
1Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen
 Woher kommt mir Hilfe?
2 Meine Hilfe kommt von dem HERRN,
 der Himmel und Erde gemacht hat.
3 Er wird deinen Fuß nicht gleiten lassen;
 und der dich behütet schläft nicht.
4 Siehe, der Hüter Israels schläft und schlummert nicht.
5 Der HERR behütet dich;

 der HERR ist dein Schatten über deiner rechten Hand,
6 dass dich des Tages die Sonne nicht steche
 noch der Mond des Nachts.
7 Der HERR behüte dich vor allem Übel, er behüte deine Seele;
8 der HERR behüte deinen Ausgang
 und Eingang von nun an bis in Ewigkeit.

Welche Bedeutung mag dieses alte Pilgerlied anlässlich des 200sten Geburtstages des Landkreises Altenkirchen haben, anlässlich eines Jubiläums, das zeitlich mit dem Alltagsschicksal von mindestens sechs aufeinander folgenden Generationen in unserer Region verbunden ist?

Ich möchte beginnen mit einer spontanen Zeitreise in das Jahr 1816:
In diesem sogenannten „Jahr ohne Sommer“, nach einem Vulkanausbruch in Indonesien gibt es Missernten und Hungersnöte in Europa und Nordamerika. Im Kreis Altenkirchen gehen die Erträge an Saatgetreide und Kartoffeln um 50% zurück.
Eine der ersten Amtshandlungen des ersten Landrates Wilhelm Koch ist die Ausrufung des Notstandes und die Erfassung und Rationierung aller verbliebenen Getreidevorräte.

1816 – vor 200 Jahren - spürt die Bevölkerung des neuen Landkreises kaum eine Lebenserleichterung durch die Hardenberg‘schen bzw. Preußischen Reformen „von oben“, durch die Einsetzung des Landrates im Kreis und der Bürgermeister in den Städten.
Viele Menschen aus dem jungen Landkreis erinnern sich 1816 noch gut an die Schlacht bei Altenkirchen am 4. Juni 1796, die das gesamte Umland nachhaltig verheerte; und es mag ihnen völlig gleich gewesen sein, ob ihnen nun die fliehenden Österreicher oder die siegreichen Franzosen die einzige Kuh, das einzige Schwein oder alle Hühner requiriert haben.
Unser Landkreis ist immer wieder Durchzugsgebiet von Heeren gewesen. Einfache Menschen erleben sich in der überwiegenden Zahl der 200 Jahre als fremdbestimmt: Kanonenfutter für die Kriege der Mächtigen.
Die Franzosen scheinen 1816 zwar dauerhaft vertrieben. Doch die Nöte bleiben! Und die Betroffenen  werden wie ein Stoßgebet den 121-ten Psalm daher gesagt haben:

1Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen
 Woher kommt mir Hilfe?
2 Meine Hilfe kommt von dem HERRN,
 der Himmel und Erde gemacht hat.
3 Er wird deinen Fuß nicht gleiten lassen;
 und der dich behütet schläft nicht.
4 Siehe, der Hüter Israels schläft und schlummert nicht.

Die Hilfe Gottes haben Menschen im Kreis Altenkirchen damals dort wahrgenommen, wo es große und kleine Wendungen in ihren Lebensverhältnissen gab.
 So ist es ein eigenmächtig handelnder Weyerbuscher und später Flammersfelder Bürgermeister, der Sozialreformer Friedrich Wilhelm Raiffeisen, der Modelle zur Unterstützung unbemittelter Landwirte entwickelt.
Landwirtschaftliche Einkaufsgenossenschaften werden lebensrettend und lebenserhaltend; ein wahres Evangelium für die Ärmsten dieser „Grüne Kredit“! Er ermöglicht, Saatgut und Dünger erst mit der späteren Ernte zu bezahlen.

3 (Der HERR) wird deinen Fuß nicht gleiten lassen;
 und der dich behütet schläft nicht.
4 Siehe, der Hüter Israels schläft und schlummert nicht.

Am 6. März 1847 wird von Bürgerfrauen in Altenkirchen eine Deputation vor den Stadtrat gebracht. Die Frauen wollen kurzentschlossen eine „Suppenanstalt“ gründen, um für die Speisung der Armen zu sorgen. Ermutigt werden sie von ihrem Pastor Kümpel. Eine Unterstützung aus der Stadtkasse wird ihnen aber abgelehnt. Doch die Frauen bleiben beharrlich –wie Frauen nun einmal so sein können -, und in der Folge stellen die Altenkirchener Ratsherren „gnädigerweise“ den Gründerinnen dieser ersten allgemeinen Tafel zwei Klafter Holz aus dem Stadtwald zum Kochen zur Verfügung.
Es sind also in den 200 Jahren seit der Gründung des Landkreises (und die Entstehung des evangelischen Kirchenkreises schloss sich bekanntlich an) -  diese Initiativen „von unten“, diese spontanen regionalen Kooperationen von mutigen Männern und Frauen, die von den Menschen vor Ort als heilsam, als Zeichen eines schützenden Vaters im Himmel und auf der Erde empfunden wurden.
 Und noch viele weitere Beispiele privater, kommunaler und kirchlicher Initiative ließen sich aufzählen. Sie alle belegen:

Lebensentscheidende Hilfe erfuhren die Mitbürger unseres Kreises selten aus herrschaftlicher Höhe, aus der preußischen Metropole Berlin, aus den Amtsstuben der Regierungssitze in Koblenz oder Mainz, sondern Dank des Fleißes der arbeitenden Bevölkerung und durch die Initiative von Unternehmern wird besonders im Oberkreis in Zeiten der industriellen Revolution eine Verbesserung der Lebensverhältnisse erreicht. Leider wirkt diese positive Entwicklung nur kurzzeitig.
Der überbordende nationale Chauvinismus sorgt spätestens 1870/71 für immer neue Kriegsschauplätze, die den bescheidenen Wohlstand nicht nur in unserer Region aufs Spiel setzten, die im Ersten und Zweiten Weltkrieg die soziale und wirtschaftliche Entwicklung unserer Region zerstören und um Jahrzehnte zurückwerfen.
 Und wieder sind es mutige, weitsichtige Menschen, wie der Landrat Dr. Wilhelm Boden, die wirtschafts- und sozialpolitisch beispielgebend bis heute Achtung finden. Sie kennen den vielfältigen Einsatz von Dr. Boden!

Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger, liebe Festgemeinde,
unser Geleitwort heute, der Psalm 121, spricht die Gewissheit aus, dass Gott Tag und Nacht Schutz bietet, und dass, wer ihm vertraut, auf seinem Weg geborgen ist. Und genau diese Zusage mündet in einem Segenswort:

„Der HERR behüte dich vor allem Übel, er behüte deine Seele.
Der HERR behüte deinen Ausgang und Eingang
von nun an bis in Ewigkeit!“

Unter „Seele“ wird im Alten Testament die unseren Körper belebende Kraft verstanden, der Atem, der uns erfüllt. Die „Seele“ ist im Hebräischen die Quelle aller Leidenschaft, aller Wünsche und Träume. Wenn im Psalm davon die Rede ist, dass Gott unsere Seele behüten möge, dann bedeutet dies auf uns heute bezogen:

 Gott schützt die Quellen unserer Sehnsucht, die Quellen unserer Träume, die wir hegen. Er will, dass wir den Mut zu konkreten Utopien gewinnen, dass wir
- vom Prinzip Hoffnung geleitet - die Zukunft wagen.
 Welche Perspektiven lassen sich entfalten, welche Schritte und Wege geraten hier in den Blick, wenn wir in ökumenischer Kooperation, in Partnerschaft mit den Kommunen für die Lebenswirklichkeit der Menschen eintreten, die uns in unserem Landkreis in besonderer Weise Schutzbefohlene sind?
 Ich kann an dieser Stelle keine Lösungen nennen, lediglich Einige, für die wir im Sinne einer entschiedenen Sozialethik Sorge tragen müssen:


-       Es sind die Frauen im Niedriglohnsektor, die gerade auch im ländlichen Raum früher oder später in die Altersarmut geraten.


-       Es ist die zunehmende Zahl älterer und hochaltriger Menschen, die zwar immer länger selbstständig und aktiv eigenverantwortlich leben, die aber auch von langjähriger Pflegebedürftigkeit betroffen werden können. Diese Lebensphase bejahend gestalten zu helfen durch gute medizinische Versorgung und achtsame Bewahrung der menschlichen und sozialen Würde, das ist Auftrag und Heraus-forderung zugleich.


-       Wir sehen Langzeitarbeitslose, die in unserer Region dauerhaft keine Beschäftigung finden und in Formate einer sinngebenden Sozialwesenarbeit eingebunden werden müssen.


-       Wir nehmen eine große Zahl von Flüchtlingen wahr, die dauerhaft in unserem Kreis bleiben, die in Schule und Wirtschaft zu integrieren sind, die mit uns unterwegs sind in eine gemeinsame Zukunft, die unserer Verantwortung anbefohlen bleiben.


 Eine Perspektive „von unten“ möchte ich hier antragen, eine Orientierung nicht an den Stärksten, sondern an den Schwächsten in unserer Mitte. An unserem Umgang mit diesen Gruppen wird sich entscheiden, ob wir ein Segen füreinander werden in diesem Landkreis, ob wir in Frieden und Gerechtigkeit leben in naher und fernerer Zukunft.

Erlauben Sie mir eine abschließende Reflexion:

Der HERR, dessen Segen im Psalm 121 für Leib und Seele in Anspruch genommen wird, trägt den alten Gottesnamen, der bis heute geheimnisvoll bleibt in seiner Bedeutung. Dieser Gott spricht von sich als: „Ich bin da“ und „Ich bin bei dir“. Das ist die Selbst-bezeichnung eines mitgehenden Gottes, der aus der Knechtschaft führt und neue Heimat verheißt, und das schon in seinem Namen offenbart.
 In Jesus Christus haben wir den Weggefährten Israels noch einmal ganz tief verstanden, wiedererkannt als radikal menschlichen Gott, als einen, der auch im Schatten des Kreuzes treu ist und bei uns bleibt, selbst im Todesschatten neue Lebensmöglichkeiten schenkt. Das gibt uns auch in unseren zerbrechlichen Lebensgemeinschaften die Hoffnung, selbst in Grenzsituationen Bewahrung zu erleben:
Ermutigung, Aufstand gegen alles, was Leben verhindert oder zerstört, und letztendlich Auferweckung, das ist uns zugesprochen. Und diesen Zuspruch dürfen wir auch heute für unseren weiteren gemeinsamen Weg als Kommune, als evangelische und katholische Kirche, als Gemeinschaft aus alten und jungen Menschen, als ein Sozialwesen der Starken und Schwachen, erfahren.
 

Für uns alle gilt:
Unsere Hilfe kommt von dem, der Himmel und Erde,
der unsere Träume und die harte Realität gemacht hat,
und der in Fröhlichkeit und Krisen seine Nähe schenkt.
Er wird nicht müde darauf zu achten, dass wir aufeinander achten und auf alle, die uns in unseren ganz unterschiedlichen Lebens- und Verantwortungskreisen anvertraut sind.
Er behüte unsere Seelen und halte unsere Träume,
Wünsche und Sehnsüchte wach.
Der Herr behüte unseren Ausgang und damit all das, was wir uns täglich vornehmen.
Und er behüte unsere Heimkehr und schenke uns somit alltäglich, dass wir Heimat finden in unserer schönen Region und füreinander ein Segen werden und sind.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn. Amen.